In der Früh gehe ich in die Arbeit. Dort ist so viel zu tun, dass ich die Dinge ratzfatz erledige. Mitten im Tun, denn ein Fertigwerden gibt es, wie in jeglichem Leben, auch dort nicht, lasse ich alles stehen und liegen, und hole Livia ab. Dann spiele ich mit Livia, erledige den Haushalt, freue mich über die Ankunft des Tirolers, da diese etwas Entlastung verspricht. Das Kindchen ist begeistert, wendet sich dem Vater zu. Wir essen, bringen das Kind ins Bett, was von mehr oder weniger lauten Schreiduellen begleitet ist „Mah, bitte, Du sollst mich nicht ärgern, ich will jetzt noch die Barbapapas ins Bett bringen“, schreit SIE, weil ich die Frechheit besitze, sie auf die Uhrzeit aufmerksamk zu machen!! „Ich bin die Mama und sage, dass Du jetzt ins Bett gehst“, kreische ich um halb neun, auf meinen Feierabend pochend. Dann folgt sie für diesen Abend. Bei mir. Denn ich bin der Krampus. Beim Tiroler weniger. Denn er ist der liebe, geduldige Papi (sogar wenn er sauer wird), den sie dafür aber so lieb hat wie niemanden sonst „Weißt Du Mama, mit Dir ist gar nichts lustig. Mit dem Papa ist alles lustig. Ich will alles nur mit dem Papa machen.“ Wenn sie schläft, sitzen wir noch eine Stunde schweigend rum und versuchen den Wahnsinn, zu dem unser Leben geworden ist, zu verarbeiten. Oder wir machen das, während wir die Küche aufräumen. Am nächsten Tag um halb sieben gehts wieder weiter.
Ich bin von der unternehmungslustigen Sorte, die Menge haut mich so schnell nicht um, doch die Geschwindigkeit. Ich kann an allem nur nippen. Ich nippe an der Arbeit – spannend, lustig, würde gern drin versinken – und laufe mittendrin weg. Ich habe Zeit mit Livia – herzerwärmend, bezaubernd, lehrreich – und muss sie mittendrin ins Bett stecken. Deshalb lasse ich unsere abendlichen Schreikrisen auch so stehen. Denn ich finde, sie hat Recht und lasse sie, stellvertretend für mich, das Konzept „Zeit“ lauthals anklagen – auch wenn die Nachbarin wieder kommentieren wird, wie leid ihr das Kind tut, das abends um halb neun noch auf sein muss und in der Früh quasi schlafend zur Tagesmutter geht. Ich laufe zwischen Schlafzimmer und Küche (in der Phase vor dem Einschlafen entwickelt sie neuerdings schrecklichen Durst) dem Tiroler über den Weg und verabrede mich mit ihm – wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich dereinst meinen Palm dazu benützen würde, um mit dem Tiroler einen Termin auszumachen, dem hätte ich den Vogel gezeigt. Die Tatsache, dass wir in einer Wohnung leben, hat keine Relevanz was einen ernsthaften Kontakt angeht.
Also gut. Das ist mein Alltag. Dazu kommen ein paar Fragestellungen, wie zB meine familiäre Krampusrolle oder die Frage nach der Therapieschule, die sich mir in nächster Zeit stellt, wenn ich das Fachspezifikum beginnen wollen werde. Zeit dies zu reflektieren hätte ich höchstens am Arbeitsweg. Das mache ich deswegen alle zwei Monate bei meiner Therapeutin, denn dort gehts schneller. Manchmal sehne ich mich nach einer Alm: Nur ich mit ein paar Kühen. Oder nach einem Kloster: Nur ich, aber ohne Kühe melken. Oder nach dem Meer, Appartment am Strand: Wir drei. Nur hin und her gehen, mit ein paar Eimern, Schaufeln, aufblasbaren Barbapapas, Sandformen, Windrädern, Luftmatratzen und Drachen.
Das Leben ist schön und ich bin wieder da.
