Der Tag begann normal. Ich hatte einen Zahnarzttermin, um eine Füllung auszutauschen, die vor drei Monaten schon ausgetauscht worden war. Mäßiges Problem. Mäßige Angst. Bis ich dort bin.
Spritze, bohren, tauschen, fertig. Grund: Es tat beim Draufbeißen noch weh. Jedoch ergab sich, dass die Anwesenheit des Schmerzes im Sichtbarsein des Zahnnerves begründet war. Das böse W-Wort heißt: Wurzelbehandlung.
Mir wurde dies also eröffnet, während sich gerade die Spritze bis zum Ohr ausgebreitet hatte. Und mir wurde ganz anders. Ich gehöre zu der Kategorie Zahnarzt-Heldinnen, die deswegen Heldinnen sind, weil sie ganz viel Angst vor (allem vor unbekannten) Zahnarztprozeduren haben, aber zuverlässig immer wieder hingehen und es durchstehen: Die Prozedur und die Angst davor, die fast stressiger ist. Aber Monk, Held meiner Freitag-Abende, sagt, dass nicht einer, der keine Angst hat, mutig ist. Mutig ist einer, der Angst hat und das, was Angst macht, trotzdem tut. Ja, diese Weisheit mag ich.
Sie schützt mich davor, dass ich mich jetzt gerade unter der Couch verstecken will.
Gut. Wir waren beim bösen W-Wort, das mich ziemlich verunsichert hat. Das Röntgen ergibt, dass die Wurzeln nicht super-gebogen sind, aber auch nicht schön gerade. Es sind so mittelmäßige Wurzeln. Da mir die Wurzel trotz Spritze schon beim Antippen weh getan hat, will ich dringend wissen, wie er das jetzt machen will, dass es mir nicht weh tut (in guter Erinnerung die Zahnentfernung und mein Implantat, die aus meiner Sicht beide kein Spaziergang waren – weder aus Angst- noch aus Schmerzsicht!). Ich kriege noch eine Spritze und wir vereinbaren, dass ich Erklärungen kriege und meine linke Hand hebe, wenn es weh tut. Und das passiert so und ich werde gelobt, weil ich das so gut mache – die Dreijährige in mir beruhigt das ungemein. Ich und meine Angst, wir liegen so da und irgendwie geht es eh. Meine Angst kreischt zwar „Hiii, es wird gleich weh tun – Hilfe!!“. Aber ich versuch ihr zu erklären, dass wir die Hand erst heben, wenn es wirklich weh tut und einen kurzen Schmerz schaffen wir schon. Tja und schließlich ist es fertig. Es hat nicht weh getan, ich hab’s nur gespürt, die Angst verabschiedet sich wieder bis zum nächsten Mal. Sie bleibt gleich in der Gegend, damit sie, wenn ich hinkomme, auch schon da ist
Wie nett aber auch.
Tja. Und das ist dann der Moment wo ich mir peinlich bin. Ich bin eine erwachsene Frau und zeige mich so. Der Mensch muss denken, ich hab einen Vogel.
(Trotzdem kriege ich seine Telefonnummer für das Wochenende, falls es Probleme gibt.) Andererseits bin ich wenigstens authentisch. Ich sehe jetzt gerade keinen großen Vorteil darin, aber sonst schätze ich das an mir, dass ich authentisch bin.
Nunja. Ich werde mir vielleicht eine Schmerztablette einwerfen und hoffen, dass es morgen echt besser ist. Und froh sein. Was ich hinter mir habe, habe ich nicht mehr vor mir.
Ich bin so dankbar dafür, dass ich einen Zahnarzt gefunden habe, der den Nerv hat (ja, den hat er auch
) und die Geduld. Da kann ich bleiben. Und anders würde ich es auch nicht akzeptieren, sondern so einen eben suchen. Was kann ich dafür, dass Gott so geschludert hat? a) Die Konstruktion der Zähne – meine sind weitgehend ok, aber es reicht mir auch schon, was ich bisher so erlebt habe. b) Ich hab mir nicht ausgesucht, dass die Annäherung von Spritze und Bohrer in mir so viel Unangenehmes auslösen.
Ja, das war mein Mittwoch-Vormittag. Jetzt liegt eine Katze zwischen mir und der Tatstatur, schnurrt und freut sich ihres Lebens. Das ist viel angenehmer.