Im März 2004 bin ich in Pamplona losgezogen, um nach Santiago zu pilgern. Sehr aufgeregt. Wenn man mit PilgerInnen spricht, dann leuchten ihre Augen und man kriegt zu hören „Der Weg trägt Dich“, es ist ja alles gar kein Problem, auch wenn man nicht besonders trainiert ist. Ich sage das auch immer.
Das war sicher eines der schönsten und aufregendsten Dinge, die ich je getan habe.
In den ersten zehn Tagen zweifelt man diese Worte an. Wenn man geht, als ob man kein Fleisch auf den Fußsohlen hätte, sondern als ob man direkt auf den Knochen gehen würde, wenn die Waden krampfen, wenn die Knie schmerzen und wenn man mit 27 entdecken muss, dass man sowas wie einen Ischiasnerv hat, nein sogar zwei, die einen leider keinen Schritt mehr machen lassen, dann will man die Worte „der Weg trägt Dich“ nicht mehr hören. Alles Lüge! Sie wollen nur, dass man auch reinfällt, wie sie selber. Nach zehn Tagen jedoch, wenn man im Besitz von Pilgereinlagen ist und gar schon mit den Trekkingsandalen geht, wenn man morgens auf das Frühstück locker verzichten kann, wenn man nicht mehr x mal stehen bleiben muss, um den Rucksack immer optimaler zu packen, damit er nicht auf die Ischiasnerven drückt, dann wird es cool. Das ist dann DER Moment, in dem man ein euphorisches Mail an die neidischen Daheimgebliebenen schreibt mit dem Inhalt: „Macht es nur, der Weg trägt Euch.“ Wenn man ehrlich ist, dann schreibt man dazu, dass der Gesprächsinhalt sich in den ersten 10 Tagen ausschließlich um aktuelle Gebrechen und deren Behandlung drehte, aber dass es nun eben doch gut geworden ist. Aber das tun nur ehrliche Leute und bis Santiago haben alle vergessen, dass sie Schmerzen hatten bzw. in welchem Ausmaß.
Wenn man schwanger ist, dann ist das gleich. Exschwangere sagen „Mei, wie schön, das war die schönste Zeit in meinem Leben!“ Der nachfolgende Satz „Ich konnte in den ersten drei Monaten auschließlich Wasser zu mir nehmen und zwar mit dem Teelöffel, weil ich sonst gekotzt habe und ich hab einiges abgenommen“ irritiert die aufmerksame Zuhörerin, weil sie derlei nicht mit „glücklichster Zeit im Leben“ umschreiben würde. Aber sowas stört keinen großen Geist.
Jedenfalls wird es am Jakobsweg nach 10 Tagen, also nach dem ersten Drittel, echt lässig. In der Früh schwingt man sich munter auf, man geht flott dahin, man jausnet mit netten Mitpilgern, man marschiert durch Mandelhaine. Hat man im ersten Drittel noch verzweifelt das einzige Lied gesungen, dessen Text man vollständig beherrscht (naja, es waren zwei „Bruder Jakob“ und ein trauriges Kärntnerlied mit dem Titel „In Gedanken bin i bei dir“), um die Schmerzen nicht wahrzunehmen, singt man sie nun schon bedeutend melodiöser und sicherer und zum puren Vergnügen. Die Sonne scheint, kein barro (=Gatsch, Schlamm) weit und breit, die Welt ist schön, der Rucksack ist Teil des Körpers geworden, die halbe Flasche Wein täglich (zu jedem Menü gibt es für zwei Leute eine Flasche Wein) verträgt man als wäre sie normal.
Und so stelle ich mir das mit der Schwangerschaft auch vor. Der Körper hat sich dran gewöhnt, er macht fleißig weiter in der Produktion, man fühlt sich gut und kräftig. Schwangere Frauen arbeiten übrigens besonders gern und gut wissenschaftlich, was mich besonders freut. Man geht shoppen und freut sich des Lebens. Ja so muss es sein. Und damit man sein Kind nicht mit 1 Kärntnerlied und Bruder Jakob quälen muss, geht man in der Buchhandlung vorbei und kauft sich ein Buch mit Kinderliedern.
