Fortsetzung von Frau Holle ;)

3 Jahre danach

 

Goldmarie faulenzte im Garten, während ich die Netze für den nächsten Tag flickte. Männerarbeit. Aber was scherte mich das?

Nach dieser unseligen Geschichte mit dem Pech war ich ziemlich angefressen gewesen. Blöde Kuh. Frau Holle. Was soll denn das für ein Name sein. Rolle, Volle, Trolle… Frau Holle ging mir auf die Nerven. Meine Mutter ging mir auf die Nerven. Das blöd Pech auf meiner Haut ging mir auf die Nerven. Goldmarie ging mir auf die Nerven. Das Glückskind. Sie hatte es immer gut. Sie konnte das alles, ihr ging alles leicht von der Hand. Für mich waren die Dinge Mühe und ich scheiterte. Spinnen, Nähen, Sticken, schön sein. Ich musste nichts tun, also tat ich nichts. Ging auch. War fein. Alle sollen nach ihren Möglichkeiten leben. So hatte ich es immer gesehen. Und dann war ich nach Hause kommen mit dem blöden Pech und der Hahn krähte es in der ganzen Nachbarschaft herum. So nebenei: Dieses Jungfrauengetue ging mir auch auf die Nerven. Was soll denn das schon heißen? Würde ich eine andere sein, wenn ich mit einem Mann…? Wer interessierte sich für Männer? Ich mich jedenfalls nicht, aber das wusste niemand. Nicht einmal Mama.

Nach meiner Rückkehr hatte ich mich einen Monat lang vergraben, war viel zu schwach um aufzustehen und viel zu verzweifelt wegen meines Aussehens. Meine Großmutter, die ich damals noch für ein lästiges Weib hielt, weil sie immer an mir herumkritisierte, war bei uns gewesen und sie bestand darauf, mich zu ihrer Freundin zu schicken. In den Süden. Naja, Ausruhen von den Strapazen bei Frau Holle konnte ich mich da wie dort und vielleicht würde ich das Pech loswerden, wenn ich genug im Meer badete. Ich reiste mit dem Zug in den Süden und kam schließlich in diesem Dorf am Meer an, bei Klara. Eine Freundin meiner Großmutter. Ich war skeptisch, denn diese Frau musste gute Nerven haben oder, wahrscheinlicher, selber eine Schreckschraube sein. Andernfalls konnte man nicht mit meiner Großmutter befreundet sein.

Aber Klara war lustig, sie hatte lange graue Haare und viele Lachfalten. Sie hatte schon auf mich gewartet und mir ein schönes Zimmer gerichtet. Ich sollte mir eine Aufgabe aussuchen. Fischen, mich um den Haushalt kümmern oder bei der Olivenernte dabei sein. Ich entschied mich fürs Fischen, der Haushalt war nicht meines. Ein bisschen unverschämt fand ich schon, dass ich arbeiten sollte, aber irgendwo sah ich das ein. Mühsam war es, jeden Tag in aller Herrgottsfrüh aufstehen, aufs Meer hinausfahren, Tiere töten… Damit konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Aber ich lernte Isabelle kennen, eine schöne Frau. Ich fühlte mich wohl bei Klara, mit Isabelle …

Die Tage vergingen, einer wie die andere, die Gleichmäßigkeit tat mir gut. Ein Jahr nach der Ankunft erreichte mich mich ein Brief von daheim, der Goldmarie ankündigte. Ihr ging es schlecht. Sie hatte sich in der Zwischenzeit verlobt, sich weiter um Mamas Haushalt gekümmert und ihre zukünftigen Schwiegereltern versorgt. Das schaffte sie alles so locker wie immer, beneidenswert. Ihr zukünftiger Mann handelte mit Gewürzen und sie half ihm bei der Auslieferung und abends gingen sie aus. Mama schrieb, dass Goldmarie eines Tages weinte, weil sie das Bettzeug nicht gut genug aufgeschüttelt hatte und Mama war auch mit den Stickereien für das nächste Osterfest nicht zufrieden. Goldmarie wurde unleidlich, sie weinte, sie schrie und einmal warf sie sogar einen Kunden aus dem Geschäft, weil er die Qualität des roten Pfeffers kritisiert hatte. Goldmarie wurde zu uns geschickt, weil sie untragbar war und alles in Aufruhr brachte.

Klara erwartete sie, wie damals mich. Aber sie gab ihr keine Aufgabe. Klara drückte Goldmarie einen Liegestuhl in die Hand und sie musste das Faulenzen lernen.

Goldmarie und ich verstanden uns bald bestens. Ich half ihr mit der Faulheit und sie trieb mich an, wenn ich in der Früh zu spät beim Haus vorbeikam, in dem sie mit Klara wohnte. Das ließ ich mir gefallen, weil ich ja wusste, dass sie Recht hatte. Damals, zu Hause, hatte Mama nichts von mir verlangt, weil es mir so schwer fiel. Aber allen fällt etwas schwer. Mir das Arbeiten und Goldmarie das Faulenzen. Dem nachzugeben hat uns beiden letztendlich Pech gebracht. Frau Holle hatte das nicht verstanden, aber Klara hatte es sofort gesehen.

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Veröffentlicht in Dieses und Jenes. 2 Comments »

2 Antworten to “Fortsetzung von Frau Holle ;)”

  1. Veronika Mikula Says:

    Hallo Katharina!
    Danke für die Frau-Holle Geschichte, die ich meiner Enkelin schicken werde.

    Aber sehr amusiert hab ich mich beim Lesen der Geschichten rund um Livia… Viele kennen solche Situationen von Verzweiflung , Ärger, Schahm, oder Belustigung. Unsere Kleinen sind oft echt harte „Lehrmeister“ und wir lieben sie!

    Lieben Gruß
    Veronika

  2. kathisalltagswahnsinn Says:

    Gern geschehen! 🙂
    – Ja. Kein Lehrer war je so entzückend, temperamentvoll, herzig und unbestechlich wie Livia 😀 Naja, „unbestechlich“ gilt eingeschränkt. Mit einem Schnuller oder Seifenblasen kommt man schon weiter 😉

    Liebe Grüße

    Katharina


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