Rettung naht

Müde, müde, müde. Belastende Arbeit, kranke Tagesmutter, eine Alternativlösung, die mich stresst, was mich wiederum nicht ruhig arbeiten lässt. Und Heuschnupfen, der einen Homöopathentermin erfordert. Ich hab ja gesagt, ich hätte so gern jemanden da und kaum ist es gesagt, da ist es auch schon so. Am Montag fliegt die Tante ein und versorgt die ganze Woche unseren Augenstern. Was für ein Glück wir haben!! Und dann habe ich Urlaub und dann haben wir unsere Elise bestimmt wieder zurück und alles ist wieder normal. Ich liebe ja den Alltag. Solang er nicht langweilig ist. 😉

Während ich mich um die Lösung unserer Probleme gekümmert habe und erfahren habe, dass meine nächste Zuteilung eine ganz tolle, gemütliche Zuteilung ist, die mich wieder zu familienrechtlichen Angelegenheiten bringen wird  und in unmittelbare Nähe zu einem See, den man auch mit Kärntner Wurzeln als solchen bezeichnen würde, habe ich einen Akt geschwärzt. Das ist spannend, also in der Theorie, weil man sich erst mal fragen muss, WAS denn geschwärzt gehört und womit. In der Praxis schaut es so aus, dass man Täter-,  Opfer und Zeugennamen löscht, Geburtsdaten, Adressen, Telefonnummern usw. , und zwar auch in Kopf- und Fußzeilen. Unglaublich wie oft (fünf Mal plus Kolleginnendurchsicht) man kontrollieren muss, bis man hoffen kann, dass man alles erwischt hat. Und man nimmt so einen schwarzen Marker, diese stinkenden Dinger. Seriöser ist es, wenn man sich damit nicht die Finger anmalt wie ein Kindergartenkind. 😉

 

Advertisements

So, genug.

Ich mag nicht mehr. Schluss mit Mördern und Vergewaltigern. Die zwei Wochen Pause im Kartnig-Prozess haben mir nicht gut getan, weil ich mich zwischenzeitlich nur mit grausigen Dingen beschäftigt habe und ohne diese vergnügliche Unterhaltung auskommen musste. Dazu kommen Gesprächsüberwachungen, damit sich Untersuchungshäftlinge nicht im Hinblick auf ihre Aussagen verabreden können und das Lesen der Häftlingspost. Keine besonders hohe Literatur. Außerdem will ich nicht wissen, was Leute in ihre Briefe schreiben. Ich will keine Liebesbriefe lesen, keine dramatischen Beteuerungen, dass man hinter jemandem steht, als wäre es ein Schicksalsschlag, dass er im Gefängnis ist. In dem Fall wegen einer Sache, die man nicht unabsichtlich begehen kann, im Gegenteil. Insofern ist es gut, dass ich nur mehr bis Ende April durchhalten muss und in zwei Wochen eine Woche Urlaub habe. 🙂 Und dass morgen, am Schreibtisch neben meinem Schreibtisch, Kya sitzen wird, mit der ich jetzt schon die dritte Zuteilung gemeinsam absolviere. Livia ist indessen krank geworden, ihre Tagesmutter ist es seit drei Wochen. Mit der Ersatztagesmutter geht es ausgezeichnet, allerdings kommt da jetzt ein Kind zurück und wer weiß, ob Livia dann noch den Platz hat… DAS ist ein Nachteil der Tagesmutterbetreuung. Allerdings werden Menschen selten so derartig heftig krank, dass sie drei Wochen im Krankenhaus liegen – wir haben da gerade Pech… Wie auch immer ich es löse, ich werde meine Zweijährige jetzt nicht auch noch zu einer dritten Tagesmutter geben. Die süße Freiheit, in der wir hier leben, weil unsere Familien fern sind, hat den großen Nachteil, dass wir es in solchen Fällen schwer haben und dass Livia mehr aushalten muss. Manchmal würde ich mich fast lieber mit mütterlichen Einmischungen auseinandersetzen und dafür jemanden da haben, der sich sozusagen aus biologischen Gründen, mitkümmert. Diese Aussage werde ich nächste Woche wieder zurücknehmen. 😉 Wenn wir unsere Elise wieder haben und unsere Freiheit und unsere Normalität.

Medizin, Jus und die Verwandschaft

Ich stehe ja voll auf diesen Zustand. Zustand post Proseccogenuss. Das lässt mich kreativ einem meiner liebsten Anverwandten schreiben, auf Facebook, was ich über seine Statusmeldungen denke und was meine Vermutung im Hinblick auf seine geposteten „sinnlosen Gespräche“ ist. Diese Vermutung wiederum belustigt mich, weil ich einfach nur froh bin, ein paar Jahre älter zu sein und diese Probleme nicht mehr zu haben. Und wahnsinnig reif. Das bin ich auch. Diese Reife drückt sich leider nicht dadurch aus, dass ich unbeeindruckt in einem Seminar über Krankheiten sitzen kann und keine Krankheiten mehr kriege, also zu kriegen befürchte. Ich befürchte sie leider alle, spüre schon die Enge in meinem Hals, die mir bald das Leben aushauchen wird. Fürchterlich. Ich werde Psycho(!)therapeutin, nicht Ärztin. Es hat Gründe, weshalb ich nicht Medizin studiert habe. Unter anderem den, dass ich verhältnismäßig oft den Notarzt hätte rufen müssen, während des Studiums der verschiedenen Krankheiten… Obwohl… Ich kenn da  schon Leute, die das auch getan haben und wo sich die Magenblutung dann als Genuss von Blutorangentee herausstellte. 😀 Gut, ich bin Juristin geworden. Das ist weniger aufregend, aber auch mit weniger Ängsten verbunden. Stimmt nicht. So finde ich, dass die Zuteilung im Strafgericht schon eher hart ist. Ich stehe nicht auf Scheren-Mörder und ich mag mir auch keine Vergewaltigungsprozesse mehr anschauen. Ich freue mich unendlich auf meine nächste Zuteilung in einem normalen Bezirksgericht. Scheidungen, Erbstreitigkeiten, Verkehrsunfälle. Das ist viel mehr meine Welt.

Alles nicht so einfach ;)

Heute in der Früh schreibt mir Isidora ein sms, dass sie krank ist und Kya sitzt in einem Seminar. Für einen Kaffee habe ich jemanden gefunden und den restlichen Tag war ich enorm effizient, sodass ich sogar leidige Probleme angehen konnte: Mangel an Druckerpapier beheben, Klammermaschine befüllen und jemanden holen, der den Drucker repariert.  Ich habe mich zuerst mit der Klammermaschine auseinandergesetzt. Wiewohl ich sie schon einmal befüllt habe, ist mir nicht mehr eingefallen, wie ich sie aufkriege (sie hat einen Knopf zum Öffnen 😉 ) und als sie mir die dritte befragte Person aufgemacht hat, haben die Klammern nicht gepasst, denn sie waren zu groß. Da war sich auch die dritte befragte Person sicher. Ich habe schon ein bisschen an mir und ihr gezweifelt, denn ich meinte ja ebendiese Klammern schon verwendet zu haben…  Da ich aber ich eh Druckerpapier besorgen wollte, habe ich den Papier-Klammermaschinen-Zuständigen gefragt: In seinen Jahren im Haus hat er noch nie kleinere Klammern gebraucht. Gut. Glaub ich ihm. Hole ich noch den Computermenschen ab, fahren wir mit dem Lift ins Hochparterre. Bleibt der Lift im ersten Stock stehen, was ich nicht bemerke, steige fröhlich aus, biege ums Eck, stelle fest: „Schaut anders aus, hier.“ Also dreh ich wieder um, zurück zum Lift, der Computermensch hatte inzwischen den Lift gestoppt, damit wir weiterfahren können und mich ausgelacht.  Ich habe versucht Würde zu bewahren, woran ich endgültig scheiterte, als er das Druckerproblem löste, indem er das Kabel einfach einsteckte. 😀 Sowas kann passieren, sagt der Tiroler. Ich hab ja nicht als IT-Expertin dort angeheuert.

 

Schwangerschaft und Vollwertkrise

Lange, triste Gänge, zu viele Stiegen, Luftzug, meterhohe Akten, lange Urteile, die sich zum Großteil aus Sachverständigengutachten zusammensetzen und zu einem sehr kleinen Teil aus einer rechtlichen Beurteilung und eher unfreundliche, nicht grüßende Leute. Mein Berufsleben ist momentan nur lustig, weil Isidora und Kya da sind. Die eine unterhält mich mit ihrer Ballonisierung: Einerseits wächst ihr Bauch und in Streifenkleider gewandet, sieht das obelixartig aus und dennoch gut. Andererseits ist es so, dass fast alle Schwangeren, auch Isidora, wahnsinnig stolz auf ihren enormen Busen sind. Ich unterhalte mich  in diese Richtung also momentan vorwiegend über Bauch, Busen und andere Schwangerschaftsthemen.

Meine Telefonzellenbüro teile ich mit Kya, die ich mit dem Bürosessel 1 Meter nach hinten rollend erreiche. Ihre Neurologin hat ihr zur Migräneprophylaxe Vollwerternährung verordnet. Das ist gut, denn auch damit ist frau bei mir an der richtigen Adresse. In der Zeit, in der ich nicht im Baumarkt aufgewachsen bin, weil meine Mutter, im Gegensatz zu meinem Vater, bevorzugt auf einer Dauerbaustelle lebt, was den beiden gelegentliche Konflikte um die Verschönerung unseres Hauses beschert hat, bin ich im Reformhaus gewesen. Das war eine Zeit, in der mit Kefir, Kombucha,  Grünkernlaibchen, Misosuppe und Algen nur ein paar ausgeflippte Ultrabiomütter was anfangen konnten, unter anderem meine. Es gibt Dinge, die mir heute noch Gänsehaut verursachen: Dinkellaibchen, Frischkornbrei, zu saures Brot, Naturreis, Vollwertnudeln. Letztere sollten als Beleidigung der Nudelkultur überhaupt vom Markt genommen werden. 😉 Kombucha dagegen mochte ich schon immer gerne, auch damals, als er bei uns, Mitte der 80er Jahre,  in einem riesigen Mostfass im Keller entstand. Auch der mütterlichen Kefirphase (Milchbasis, nicht Wasser-) konnte ich was abgewinnen.  In der Frischkornbreiepisode bin ich  geflüchtet und habe die erste Mahlzeit des Tages lieber bei den Nachbarn  eingenommen. Dort gab es nämlich böse Semmeln. Sie mögen ernährungstechnisch wertlos sein, aber man kann sie immerhin essen. 😉 Kya ist bei mir also in den besten Händen, denn ich kenne mich aus…

Kein zartes Pflänzchen

Meine Familie ist ins ferne Tirol gereist, was bedeutet, dass ich unglaublich viel Zeit habe. Was habe ich früher mit meinem Leben angefangen? Ich habe in den letzten 48 Stunden, die Wohnung auf Vorderfrau gebracht – ok, die Putzfrau war auch hier. Ich habe Livias Vorhänge genäht, die nötige Ausrüstung zum Aufhängen gekauft, Katzenfutter für ein paar Monate besorgt und ein halbes Buch gelesen, was mich auf eine geniale Idee gebracht hat…. So dicht war meine Freizeit früher nicht, da kannte ich Langeweile 😉  Heute, beim in die Arbeit gehen, wo ich an der Abzweigung zu meinem alten Gericht schon ein bisschen gelitten habe, habe ich mir gedacht, dass eine gute, ruhige, interessante Arbeitstelle nicht die Voraussetzung für Zufriedenheit ist. (dauerhafte Arbeitsstellenprobleme nehmen wir aus).  Denn eine gute, ausgeglichene Arbeitsstelle bringt eine gewisse Ruhe, aber wenig Ätz-Vergnügen. Das Ätz-Vergnügen beim letzten Gericht lag, da Familienrechtsabteilung, eher am Chaos, in dem Menschen leben,  was ich gar nicht böse meine, und darüber durfte ich natürlich nicht schreiben. Eine Arbeitsstelle in einer Telefonzelle, wo ich beginne, Dinge in einer großen, fast meditativen Ruhe zu tun und mir Gedanken über das optimale Auftragen von Tipp-Ex (und wie heißen diese weißen Streifen, die man über einen Fehler ziehen kann? Macht beim Kopieren übrigens keinerlei Schatten 😉 ) zu machen, gibt mehr an belustigenden (und blogmäßig verwertbaren) Gefühlen her, die ich dazu habe. Die Zufriedenheit ist kein Weichei, das durch gewisse Ungemütlichkeiten gleich kaputt gemacht wird. Vielmehr kommt da die Lust am Wahnsinn hervor und sagt: „Hallo, hier bin ich! Was magst Du mir zeigen?“  😀

 

 

Meine Telefonzelle

Ich erwähnte schon meine arbeitsbedingt grässliche Laune. Neues Gericht, neue Richterin, neue Aufgaben. Mein Büro ist ein telefonzellenformatiges Abteil in einem zugigen, nach oben offenen Glasschlauch  am Gang des Gerichts. Platzangebot: 2 m² bzw. 8 m³ – ich sollte mich in die Höhe ausdehen. 😉 Diese alten Gebäude haben sehr breite Gänge, man hat sich wohl gedacht, da kann man gut ein Drittel abtrennen und Rechtspraktikanten hintereinander auffädeln. Meine Telefonzelle teile ich mit der allwissenden Auskennerin mit der ich schon eine Zeit lang mein letztes, traumhaftes, warmes, ruhiges, absperrbares Büro mit Parkblick geteilt habe, was mich sehr freut. Sie hat mir einen Platz reserviert, denn Plätze sind rar. Es wird zwar jede/r einen finden. Aber es kann sein, dass das nicht gleich am ersten Tag in der Früh passiert. Steht man halt ein bisschen herum und wartet… Isidora ist auch da und sitzt im der Nebenzelle. Wenn ich meinen Kopf verbiege und am Bildschirm vorbei schaue, können wir miteinander flüstern. Es ist also ungemütlich. Wie die Arbeit ist, kann ich nach drei Tagen, von denen ich zwei damit verbracht habe, Sachverständigengebühren in Formulare einzutragen, nicht sagen. Das war jetzt öd.

 

Veröffentlicht in Gerichtsjahr. Leave a Comment »